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Orchideen übersommern im Freien

In vielen Haushalten stehen Orchideen. Zu den am häufigsten verkauften Gattungen gehören Phalaenopsen und Cymbidien. Soll man diese Orchideen den Sommer über im Freien platzieren, auf dem Balkon, Terrassen oder Gartensitzplatz? Welche Vor- und Nachteile sind damit verbunden, welche Auswirkungen gibt es auf die Blühte der Pflanzen?

Roland Amsler von Orchideen-Amsler gibt in diesem Interview Auskunft auf ein paar zentrale Fragen.

garten.ch - Was spricht dafür, dass man Orchideen den Sommer über ins Freie zügelt?

Roland Amsler – Was ganz klar dafür spricht ist die Frischluft und die UV-Einstrahlung. UV-Einstrahlung desinfiziert. Durch Frischluft gibt es weniger Pilzkrankheiten. Man kann die Pflanzen feuchter halten als in der Wohnung. Die Kunst des Orchideen kultivieren besteht darin, möglichst viel Wasser zu geben, ohne dass sie faulen. Das ist eine Gratwanderung. Draussen kann man mehr Wasser geben, weil sie weniger schnell faulen.

OncidiumDadurch erreicht man eine optimale Kultur mit mehr Frischluftzufuhr. Das Wachstum ist stärker, robuster, die Pflanze wird widerstandsfähiger. In der Wohnung hat es weniger UV-Licht. UV-Licht bewirkt stärkere Farben in der Blüte, das Längenwachstum wird gestaucht. In der Wohnung vergeilen die Pflanzen gerne, wenn sie zu wenig Licht haben. Sie wachsen zu weich, knicken dadurch schneller. Sie haben weichere grössere Blätter. Draussen ist ein kompakteres und robusters Wachstum möglich. Wenn man Orchideen sucht in der Natur im Urwald, dann findet man diese dort wo es viel Frischluft hat. Also nicht in einer Schlucht wo es neblig ist und düster, wo es immer feucht ist, dort wachsen zwar Pilze aber keine Orchideen. Orchideen findet man an luftigen Orten, auf dem Grat beispielsweise.

Orchideen draussen zu halten bietet also verschiedene Vorteile, vorausgesetzt, es ist genügend warm. Hier haben wir manchmal ein Problem, wenn die Temperatur in einer Sommernacht auf ca. sechs Grad fällt. Das ist zu kalt für die meisten Orchideen. Die Phalaenopsis hat gerne Temperaturen über 15 Grad. Wenn sie abgehärtet sind, vertragen sie auch zwölf Grad, wenn sie trocken sind. Wenn die Verdunstungskälte von einem Wassertropfen dazu kommt, gibt es Flecken auf den Blättern und Fäulnis.

garten.ch - Auf was muss man bei der Standortwahl im Freien achten?

Roland Amsler – Keine direkte Sonne, keine Schnecken, kein Hagel. Am besten Aufhängen unter einem Vordach, unter dem Balkon, irgendwo, wo keine direkte Sonne hinkommt, aber es sehr hell ist, das ist ideal. Die direkte Sonneneinstrahlung führt zu einem Sonnenbrand, analog zum Mensch, der die Sonne noch nicht gewohnt ist. Durchzug und Wind spielt keine Rolle. Im Urwald halten sie auch einen Taifun aus.

garten.ch - Gibt es bestimmte Gattungen oder Arten, die sich besonders für die Übersommerung im Freien eignen?

Roland Amsler – Cymbidium müssen nach draussen, sonst bringt man sie gar nicht zum blühen. Die brauchen hohe Temperaturschwankungen im Herbst. So Schwankungen im Bereich von 25 bis 30 Grad. Das erreicht man nur draussen, wenn es in der Nacht einen Reifen gibt und am Tag 30 Grad ist. Der ideale Standort ist für Cymbidien im Sommer im Halbschatten und im Oktober an die pralle Sonne. Hier beginnt aber das Problem, das gilt nur für die Cymbidien. Verallgemeinern kann man das nicht. Wenn man es für alle Gattungen und Arten definieren möchte, müsste man ein Buch schreiben. Phalaenopsen sollten nicht kälter als 15 Grad haben. Wenn man aber Cymbidien bei Temperaturen, die unter 15 Grad liegen in die Wohnung nimmt, kommen sie nie zum Blühen. Man muss es immer für die einzelne Gattung und Art abklären, welche Temperaturen sinnvoll sind. Die grösste Gefahr ist zu tiefe Temperaturen und Nass.

garten.ch - Wie ist der Wasserbedarf im Freien?

PhalaenopsisRoland Amsler – Viel weniger als in der Wohnung. In der Nacht ist fast das ganze Jahr im Freien 100% Luftfeuchtigkeit. Noch nicht mal im August gibt es bereits nächtlichen Tau. Die Pflanze kann sich in der Nacht besser erholen, weil sie nichts verdunsten muss. Sie kann Wasser aufsaugen und ist dann besser gewappnet gegen die Wärme. Dadurch muss man auch weniger giessen. Generell muss man im Sommer draussen weniger giessen, als im Winter in der Wohnung. Das Wichtigste ist, dass man draussen am morgen giesst, in der Nacht hat man schon 100% Luftfeuchtigkeit. Dann trocknet es auch wieder schnell ab. Mit der Verdunstungskälte wird es in der Nacht dann zu kalt. In der Wohnung sollte man immer am Abend sprayen, da man nicht so eine hohe Luftfeuchtigkeit hat.

garten.ch - Gibt es bestimmte Punkte, die man beachten muss, wenn man die Orchideen wieder in die Wohnung nimmt?

Roland Amsler – Die Wohnung ist vergleichsweise sehr trocken. Wichtig jeweils am Abend ansprayen. Beim rein nehmen kontrollieren bezüglich Schädlingen. Am besten mit Marshal, einem systemischen Insektizid giessen. Wenn es Dickmaulrüssler gab, die Eier abgelegt haben, hat man sonst plötzlich an den Blühten Frassstellen. Somit ist der Erfolg gewährleistet und man kann sich auf die Blüten freuen, auf die man so lange gewartet hat.

Weitere Tipps und Hinweise zur Pflege von Orchideen unter www.orchideen-amsler.ch

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